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  • Drei hengste nebeneinander: Schwarzwälder, Warmblut, Araber

    Landgestüt Marbach

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Haupt- und Landgestüt Marbach
Gestütshof 1
72532 Gomadingen-Marbach

+49 (0) 73 85 / 96 95-0

+49 (0) 73 85 / 96 95-10

poststelle@hul.bwl.de

Das Landgestüt

Schon im Mittelalter schickten die württembergischen Landesherren Hengste aus ihrem Marstall auf die Beschälplatten des Landes, um die Landespferdezucht zu verbessern. Heute stellt das baden-württembergische Haupt- und Landgestüt Marbach ausgesuchte Deckhengste verschiedener Rassen für die Pferdezüchter bereit. Einen bedeutenden Anteil der Bedeckungen macht dabei die Bereitstellung von Landbeschälern für die Warmblutzucht aus. Das Gestüt hat sich dabei auf Veredlerhengste spezialisiert und bietet den Züchtern eine beispiellose Auswahl an „Blutpferden“ an. Der Landesbetrieb trägt zudem als größter Hengsthalter wesentlich zum Erhaltungszuchtprogramm der bedrohten Rasse Schwarzwälder Kaltblut bei und hält 27 Beschäler der sieben Hengstlinien vor. Daneben leistet das Gestüt einen Beitrag zur Erhaltung der aussterbenden Rasse des Altwürttemberger Pferdes und hat 2020 vier Altwürttemberger Hengste aufgestellt. Die weltweit bekannte Weil-Marbacher Vollblutarberzucht stellt ein Alleinstellungsmerkmal des Gestüts dar. Fünf Vollblutaraberhengste stehen den Züchtern zur Verfügung. Zwei davon sind anerkannt für die Sportpferde- und Reitponyzucht.

Die Züchter haben über das Haupt- und Landgestüt Marbach die Möglichkeit ihre Stuten im Natursprung auf den fünf im Land verteilten Servicestationen und sieben Regiestationen decken oder mit Frisch- oder Tiefgefriersamen von der EU-Besamungsstation Offenhausen besamen zu lassen. Seit den 1990er Jahren hat die Besamungsstation Offenhausen die EU-Zulassung. Die hier stationierten Hengste sind im Frischsamenversand erhältlich. Ebenso kann Tiefgefriersamen von aktuell stationierten und ehemaligen Hengsten bestellt werden.

Darüber hinaus bietet das Gestüt Embryotransfer als Dienstleistung an und hält eine Empfängerstutenherde vor.

Peter Friedrich & Württemberger Hengst Fleiner

Wenn der Württemberger Hengst Fleiner an der Hand von Peter Friedrich den Stutenstall der Deckstation in Biberach betritt, wächst er über sich hinaus. Seine Augen glänzen, er wirft sich in Pose, reckt den Hals in die Höhe, wiehert und tänzelt an den Boxen vorbei. Die Damen sind entweder von ihm angetan und antworten ihm leise, blähen die Nüstern, oder sie drehen sich um und treten heftig mit ihren Hufen gegen die Boxenwand. Fleiner weiß, wie er das zu deuten hat. Peter Friedrich erklärt: „... Der Hengst erkennt am Geruch und am Verhalten der Stuten, welche gerne seine Dienste in Anspruch nehmen möchten. Und er weiß, dass das „Abschlagen“ der anderen Stuten bedeutet, dass sie nicht mehr in der Rosse sind oder schon aufgenommen haben ...“



Fleiner ist ein Profi und seit einem viertel Jahrhundert als Deckhengst für das Haupt- und Landgestüt Marbach im Einsatz. Während der letzten 11 Jahre kommt er immer im Frühjahr zusammen mit Peter Friedrich nach Biberach und bleibt 4 Monate auf dieser Deckstation. Er hat dort sogar schon eine richtige Fangemeinde. Natürlich ist er nicht der einzige Hengst vor Ort: Ein Schwarzwälder-Hengst und ein Nachwuchshengst der jüngeren Sportpferde-Generation sind ebenfalls mit von der Partie. Zu dritt erwarten sie den Besuch der Pferdedamen, die von den privaten Züchtern per Transporter gebracht werden. Die Hengste werden in Biberach von Hauptsattelmeister Peter Friedrich betreut, einem erfahrenen Pferdemenschen, der während der Monate auf der Deckstation in der Wohnung über den Stallungen wohnt und dadurch immer genau weiß, was im Stall vor sich geht.

Diese „Männergesellschaft“ versteht sich sehr gut, und abends sitzt Peter Friedrich oft bei offenen Stalltüren zwischen seinen Hengsten und spricht mit ihnen. Von Fleiner können die beiden anderen Jungspunde noch Einiges für ihren Job lernen. Wie man zärtlich mit den Stutendamen umgeht zum Beispiel.



Heutzutage kommt es immer weniger zu einem echten Decksprung, da die künstliche Besamung und der weltweite Versand von Sperma einen sehr hohen Stellenwert in der Zucht eingenommen haben. Doch auf der Deckstation im oberschwäbischen Biberach werden noch etwa die Hälfte der Stuten, die über das Frühjahr auf die Station gebracht werden, im sogenannten Natursprung gedeckt. Sobald der Hengst Fleiner seinem Betreuer Peter Friedrich signalisiert hat, dass eine der Stuten paarungsbereit ist, wird sie in den Probierstand gebracht. Dort bekommt Fleiner dann Gelegenheit, sie intensiv zu beschnuppern und zärtlich abzulecken. Das macht er mit großer Begeisterung, und die Stuten halten ganz still und genießen diese Sonderbehandlung. Inzwischen weiß man, dass auch für die künstliche Besamung der direkte Kontakt von Stute und Hengst sehr wichtig ist und sich die Chance der Befruchtung dadurch entsprechend erhöht. Nicht immer kommt Fleiner dann auch wirklich zum Decken, doch das macht ihm nichts aus, er lässt gerne auch die anderen Hengste zum Zug kommen. Bei einer künstlichen Befruchtung der Stute wird dann der Samen eines anderen Hengstes mit Eilpost von der Besamungsstation in Offenhausen angeliefert. Von dort gehen täglich Spermaportionen der besten Hengste innerhalb von Deutschland in den Kurierversand, um Stuten im heimischen Stall besamen zu können.



„... Man geht schon eine intensive Bindung mit den Pferden ein, wenn man vier Monate lang fast 24 Stunden am Tag miteinander verbringt ...“, sagt Peter Friedrich nachdenklich. „... Fleiner und ich, wir kennen uns in- und auswendig. Manchmal denke ich, er kann mich lesen wie ein offenes Buch. Und es überrascht mich immer wieder, wie anständig er sich benimmt, auch bei schwierigen Stuten. Manche Hengste regen sich sehr auf, wenn sie Stuten nur probieren sollen und nicht decken dürfen, doch Fleiner behält immer die Ruhe. Um so eifriger wird er jedoch, wenn er wirklich decken darf, dann wartet er aber erst auf meine Aufforderung. Wir sind einfach aufeinander eingespielt ...“



Aus Peter Friedrich spricht die Liebe, die er für den Hengst empfindet:

„... Fleiner ist routiniert und kennt die Abläufe genau. Oft schicke ich ihn aus dem Raum, in dem er gerade gedeckt hat, in seine Box zurück, und diesem Kommando  folgt er dann, ohne dass ihn jemand führen muss. Fleiner steht dann seelenruhig in der offenen Boxentür oder „unterhält“ sich mit seinen Stallnachbarn, ohne dass Stress entsteht ... So manches Mal kommen Freizeitreiter nach Biberach, die sich aus ihrer Stute ein Fohlen nachziehen möchten. Sie wünschen sich ein Pferd, mit dem sie Freude beim Reiten im Gelände haben, das sich auch mal vor die Kutsche spannen lässt und das man zu Festumzügen mitnehmen kann. Also einfach ein Verlasspferd…“, sagt Friedrich, „...wenn ich ihnen Fleiner dann vorstelle, mit seinem feinen Charakter und seiner Zuverlässigkeit, überzeugt er sie einfach. Ist ein Kind mit dabei, setze ich es schon mal kurzerhand ohne Sattel auf Fleiner und die Chemie stimmt sofort. Viele kommen sogar ein paar Jahre später zurück und wollen nur den Fleiner haben, weil es beim ersten Mal so gut geklappt  und das Fohlen ihre Erwartungen mehr als erfüllt hat ...“



Fleiner ist nicht „irgendein“ Hengst, sondern kann auf mehr als 300 Kinder zurückblicken. 1986 geboren, gehört er heute zu der alten Garde der Marbacher Deckhengste. Seine Mutter Grandezza ist eine Tochter des weltbekannten Grande. Als Fohlen wurde er von seinem Züchter August Föhr aus Erolzheim an das Haupt- und Landgestüt als Hengstanwärter verkauft. Obwohl sein Vater Flirt ein Grand-Prix-Sieger im Dressursport war, startete Fleiner seine Karriere im Springsport. Er hatte unter Helmut Hartmann beachtliche Erfolge bis hin zur schweren Klasse. Auf den Hengstparaden zeigte er sich viele Jahre als Aktionstraber, wurde in der Springquadrille eingesetzt und auch vor der Kutsche — vom Einspänner bis hin zum Zehnspänner — vorgeführt. Fleiner gilt in Marbach als echter Allrounder. Ganz besonders erwähnenswert ist bei ihm, dass er den Nachkommen fast immer seinen außergewöhnlich feinen Charakter, seine Leistungsbereitschaft und Menschenbezogenheit vererbt.

Vielleicht ist derzeit sein etwas größerer Rahmen nicht unbedingt in Mode, doch Fleiner ist mehr als korrekt gebaut und gibt seinen Fohlen ein solides Fundament mit. Unter seinen Nachkommen gibt es Sportpferde im Fahr-, Spring- und Dressursport sowie vielseitige Freizeitpferde —  alles Pferde mit guten Nerven, die den Bezug zum Menschen suchen.



„… Fleiner verkörpert zwar nicht unbedingt den eleganten und modernen Sportpferdetyp — aber er ist einfach vom Wesen her absolut klasse. Jeder, der ihn näher kennen lernt, ist fasziniert von ihm und seiner Ausstrahlung ...“



Seit 2004 hat Peter Friedrich den Hengst in seiner Obhut. „... Und er bleibt auch bei mir, solange er lebt ...“, sagt der Mann mit einem verdächtig feuchten Funkeln in seinen Augen. „... Mit Fleiner sind meine beiden Töchter groß geworden, haben auf ihm das Reiten gelernt zuerst an der Longe später dann auch frei. Man hatte immer das Gefühl, dass Fleiner auf sie aufpasst. Sie haben durch ihn so ein enges Vertrauen zu den Pferden bekommen, das so schön und wichtig ist. Meine Frau ist auch pferdeverrückt und kann meine Beziehung zu Fleiner nachvollziehen — Gott sei Dank ...“



Im Laufe der Zeit hat der Hengst sich einen Namen gemacht und ist überall wohlbekannt, ebenso wie sein Hunde-Kumpel Fly. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Der schwarz-weiße Border Collie-Rüde hat sich selbst die Aufgabe erteilt, Fleiner wie ein Schaf zu hüten, doch der Hengst galoppiert ihm auf der Koppel immer wieder davon. Die beiden fliegen nebeneinander über die Wiese und Fly bellt dabei außer sich vor Freude. Dann kommt der Hengst zurück und stellt sich neben Peter Friedrich. Sobald dieser sich etwas hinunterbeugt, springt Fly auf seine Schulter und von dort auf den Rücken von Fleiner, der wie eine Statue dasteht. Das muss man gesehen haben, dieses Trio ist unglaublich!



Doch wenn sich Friedrich dann selbst — einfach so aus Spaß — auf den blanken Rücken des Hengstes schwingt und ganz ohne Zaumzeug losgaloppiert, mit dem Hund daneben, dann berührt einen dieses Bild bis ins Herz. Denn ist es nicht der Wunsch jedes Pferdemenschen, mit seinem Pferd eine so intensive Beziehung zu haben? Dieses wortlose Verstehen, diese Harmonie und diese große Portion gegenseitiges Vertrauen von Fleiner und Peter Friedrich ist wirklich ungewöhnlich und einzigartig. 



Natürlich hat Fleiner in den letzten Jahren einige weiße Haare bekommen,  sein Gesicht wurde  trockener und kantiger. Dennoch sieht man ihm sein wirkliches Alter nicht an. Immerhin ist er der dienstälteste Beschäler im Marbacher Hengstkatalog. 

Hauptsattelmeister Peter Friedrich arbeitet seit 30 Jahren auf dem Haupt- und Landgestüt Marbach und hat natürlich nicht nur Fleiner, sondern viele weitere Hengste auf dem Gestütshof St. Johann zu betreuen. Im Winter fährt er die Schwarzwälder vor dem Schlitten und bildet mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen junge Pferde aus, doch mit dem alten Fleiner verbindet ihn eine ganz besondere und tiefe Freundschaft.



Quelle: "500 Jahre Haupt- und Landgestüt Marbach" von Gabriele Boiselle, Seite 40-45, Müller-Rüschlikon Verlag

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